Wer ist Jean-Pol Martin? Was denkt Jean-Pol Martin? Was sagt Jean-Pol Martin? Was tut Jean-Pol Martin?
Nachdem all diese Fragen beantwortet sind, setzen wir uns in einen Halbkreis und fühlen uns als Neuronen. Interessante Metaphern zum Umgang mit Informationen und Kommunikation. Provokante These: Wir alle sind Ressourcen. Seine Bedingungen für Internet-Projekte sind eine idealtypische Beschreibung. Im realen Leben tritt man nur zu oft nicht nur als Mensch, sondern in einer Funktion auf. Und die Funktion begrenzt eben auch das eigene Handeln. Vielleicht trau ich mich als Rentnerin dann auch, ungebremst loszuschießen im Internet. Bis dahin nutze ich die Freiheiten im Netz lieber mit Zweit- und Drittidentitäten.
Auf jeden Fall sehr viel Diskussionsstoff. Nach einigen Schreckminuten feuern die anwesenden Neuronen ihre Meinung ab, Widerstände formieren sich, Verständnis entsteht und Jean-Pol Martin erweist sich auch als Mensch, mit dem man sich ganz gut auseinandersetzen kann.
Wenn man könnte, wie an wollte! Leider ist unser System im Große und Ganzen eher auf Schein als auf Sein hin ausgelegt. UNd nicht jede Lebensumgebung ist dazu geeignet, einfach mal drauf los zu schießen. Als Prof.(em.) mit C4 tut man sich da vielleicht etwas einfacher. Und was aus Eichstätt kommt, wird sowieso mitunter nicht für voll genommen ;-)
Aber ich finde den Ansatz von Jean-Pol Martin schon entlastend (nebenbei: nicht zufälig ist er geborener Franzose, also mit Revolution im Blut) und will ihn für mich auch gerne leben - so gut es geht. Außerdem können Narrenkappen auch ganz nett sein.
Kommentiert von: Udo Götz | 01. Oktober 09 um 20:42 Uhr
Menschen sind keine Neuronen. Es ist ratsam, sich zu überlegen in welcher Ungebung man was tut. Es ist ratsam, sich darüber klar zu werden aus welchen Interessen Menschen etwas tun. Menschen werden nicht frei indem man sie dazu auffordert. Kontextlose Freiheit ist nicht zwingend Voraussetzung für Kreativität. Auch Neuronen wurde Unrecht getan: Wenn die nämlich alle losfeuern, wäre das ein Fall für den Notarzt. Die Natur hat hier sinnreiche Mechanismen der Hemmung eingeführt. Aber ich will nun nicht selbst in Biologismen verfallen. Schade, daß so gute Lernmodelle wie "Lernen durch Lehren" (in der außerschulischen Jugedbildung nicht ganz unbekannt ;-))in einen solchen Rahmen gesetzt wurden. Es hatte schon was von Scharlatanerie.
Gruß
Bernhard Eckmann
Kommentiert von: Bernhard Eckmann | 07. Oktober 09 um 09:08 Uhr
"Schade, daß so gute Lernmodelle wie "Lernen durch Lehren" (in der außerschulischen Jugedbildung nicht ganz unbekannt ;-))in einen solchen Rahmen gesetzt wurden. Es hatte schon was von Scharlatanerie."
- Ja, das wurde mir oft vorgeworfen: LdL ist eine gute Methode, schade, dass ausgerechnet ein solcher Typ sie verbreitet und in Misskredit bringt. Für mich war es günstig, dass die Vertreter dieser Position in der Minderheit blieben. So wie auch die Stimmen zur Neuronenmetapher.
Kommentiert von: Jean-Pol Martin | 12. Oktober 09 um 09:55 Uhr
Scharlatanerie? Moment mal, das kann ich so nicht stehen lassen. Die Sache mit den Neuronen ist eine METAPHER, anders ausgedrückt: du kletterst ja auch nicht auf Strassenschilder, sondern fährst in die Richtung, die sie anzeigen. Und ohne JeanPol würden die meisten LdL immer noch für eine Bauernpartei aus der ehemaligen DDR halte ... also nix für ungut, aber nix Scharlatanerie.
Kommentiert von: twitter.com/bildungsreport | 12. Oktober 09 um 12:09 Uhr
Ich halte es generell für problematisch, Dinge aus dem Kontext zu nehmen. Die Metapher "Neuronen" verbunden mit der Aufforderung "jetzt fühlt Euch mal so" (sinngemäß) tut das. Interessen, Machtgefälle, Bedürfnisse etc werden abstrahiert und die Einladung erfolgt, "jetzt legt das mal ab und schießt los" Das kam mir nicht seriös vor. Dann war ich zwischenzeitlich wieder beruhigt als der Verweis auf die Maslowsche Bedürfnispyramide kam und auf die dialektischen Aspekte einer Diskussion. Dann jedoch wieder mehrmals Hinweise, daß es nicht so drauf ankommt die "Langsamen" zu überzeugen, sondern mit denen die "folgen" können Weltverbesserungswerkstätten zu machen. Fand ich elitär. Zum Schluß aber kam von Herrn Martin die klare Absage an Regeln der Höflichkeit, bezogen auf Kommunikationsverhalten in Gruppen. Was soll diese Provokation bewirken? (ernstgemeinte Frage)
Was für ein Anliegen hat Herr Martin?
Zum Lernmodell selbst: es ist gut, aber so neu nicht. Ich meine das nicht abwertend.
Kommentiert von: Bernhard Eckmann | 12. Oktober 09 um 18:01 Uhr
Es ist offenbar schwierig mit dieser Metapher, deren Metapherncharakter sich nicht aus dem Kontext erschließen lässt, sondern ständig auf Metaebene klargestellt werden muss. Vllt doch mal überlegen, ob es so gut mit der Anschlussfähigkeit bestellt ist, denn viel Zeit geht immer drauf, in Diskussionen Mißverständnisse auszuräumen.
Kommentiert von: Lisa Rosa | 12. Oktober 09 um 18:54 Uhr
Andererseits führen gerade Unklarheiten zu "Perturbationen" und zu einem Klärungsbedarf, der wiederum Erkenntnisse generiert.
Kommentiert von: Jean-Pol Martin | 12. Oktober 09 um 19:26 Uhr
"Zum Schluß aber kam von Herrn Martin die klare Absage an Regeln der Höflichkeit, bezogen auf Kommunikationsverhalten in Gruppen. Was soll diese Provokation bewirken? (ernstgemeinte Frage)"
- Ich habe lediglich ausgeführt, dass im neuen Paradigma "Höflichkeit" neudefiniert werden kann. So ist die Tatsache, dass TN während eines Vortrages twittern nicht mehr als Zeichen des Desinteresses zu interpretieren (unhöflich) sondern vielmehr, dass man die Ausführungen des Referenten so bedeutsam findet, dass man die Inhalte nach außen kommunizieren will. Mein Vortrag war mit zahlreichen ironischen Einlagen versehen, die nicht immer als solche erkennbar waren, so z.B. die Radikalität, mit der man "Langsame" einfach links liegen lassen soll. Das tue ich natürlich nicht in der Praxis, denn alle Mitwirkenden sind willkommen und wichtig!
Kommentiert von: Jean-Pol Martin | 12. Oktober 09 um 19:30 Uhr
zu "Twittern in der Offline-Runde + Höflichkeit."
Auf alle Fälle verändert sich da etwas. Meine Beobachtung ist, daß Präsenz und Aufmerksamkeit sich aufspaltet. Warum nicht eine Frage oder einen Einfall in die Runde direkt einbringen? Warum nicht den anderen Gruppenmitgliedern - die ja u.U. weit angereist sind - in die Augen schauen, Möglichkeiten direkter Kommunikation (verbal / nonverbal) nutzen. Offline-Treffen werden zunehmend kostbar. Und Menschen "können" das seit vielen Tausend Jahren einigermaßen gut. ;-) Twittern kann man doch auch hinterher.
Kommentiert von: Bernhard Eckmann | 13. Oktober 09 um 11:52 Uhr
Jean-Pol meinte sicher nicht, dass sich künftig alle nur noch per Twitter austauschen sollten, zumal nicht in kleinen Gruppen oder im Unterricht. Persönliche Kommunikation ist wirklich ungemein wichtig!
Bei Vorträgen, von denen spricht Jean-Pol ja, sehe ich Twitter als ausgesprochen hilfreiches Instrument an. Der Vortragende gibt den Zuhörern Input, das sie zu eigenen Gedanken anregt. Wenn nun jeder zeitgleich verbal seinen entstehenden Ideen preiszugibt, versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Macht man das schön der Reihe nach, ist die gute Idee eines anderen vielleicht schon wieder im Wust der weiteren Ausführungen und Überlegungen untergegangen und kann bei wieder anderen keine neuen Impulse auslösen.
Möglicherweise hängt die "Höflichkeit" auch schlicht von den Erwartungen des Vortragenden ab. Will er, dass die Zuhörer möglichst viele seiner Ideen aufgreifen, weitertragen und weiterentwickeln? Wenn das die Zuhörer mit Twitter am besten können, warum sich dagegen stellen?
Oder will er, dass er für seinen Vortrag (sein zur Schau gestelltes Wissen) "bewundert" wird und daher die ungeteilte Aufmerksamkeit wünscht? Man sollte sich selbst als Person einfach nicht so wichtig und das Verhalten nicht persönlich nehmen.
Dass mittels Twitter auch Einfälle von außen kommen können und auch gleich dokumentiert sind, sei nur beiläufig erwähnt - anderes Thema.
Kommentiert von: twitter.com/otacke | 14. Oktober 09 um 09:52 Uhr
"Warum nicht eine Frage oder einen Einfall in die Runde direkt einbringen?"
Weil wir es oft nicht mit idealen Gruppen zu tun haben, was für mich bedeutet: 15 Menschen, idealerweise einigermaßen paritätisch hinsichtlich der Geschlechter besetzt. Weil Diskussionen in einem großen Plenum schwer ertragreich zu führen sind, weil den meisten erst nach der Diskussion zu relevanten Argumente einfallen.
Ich diskutiere sehr gerne Auge in Auge - in nahezu idealen Gruppen. Bei allem anderen finde ich den asynchronen Weg inhaltlich oft ertragreicher - ich bin aber auch durch unser Schulsystem geschädigt... Zudem ist die Hemmschwelle für den Stilleren, Bedächtigeren in z.B. Twitter oft niedriger - in nicht idealen Gruppen werden Gespräche oft durch die dominanten Personen dominiert. Ich weiß nicht inwiefern das eine Form von Höflichkeit darstellt, bzw. ob ein Diskussionsleiter, der für Ausgleich sorgen will, gegenüber solchen Personen mit Höflichkeit weiterkommt.
Kommentiert von: Maik Riecken | 14. Oktober 09 um 10:05 Uhr
zu Höflichkeit und Twitter:
Das leuchtet mir schon ein. Im Kontext einer Vorlesung oder einer "nicht idealen Gruppe" kann Twittern eine Bereicherung sein. (erweiterte Aktionsmöglichkeit, zusätzliche Anregung etc.)Kein Problem. Ich beziehe mich auf andere Settings - eine ideale Gruppe - und auch hier habe ich es wiederholt erlebt, daß auch in intensiven Diskussionsphasen einzelne sich nicht vom Notebook lösen konnten. Da scheint es noch keine allgemein akzeptierten "Umgangsformen" zu geben.
Kommentiert von: Bernhard Eckmann | 14. Oktober 09 um 15:29 Uhr
"daß auch in intensiven Diskussionsphasen einzelne sich nicht vom Notebook lösen konnten. Da scheint es noch keine allgemein akzeptierten "Umgangsformen" zu geben."
Absolut d'accord. Notebook grenzt dann *für mich* bereits an Dreistigkeit - schlimmer noch als Handys, bei denen 70-80% der Nutzenden es nicht auf die Reihe bringen, die Piep- und Dudelgeräusche bei Tastendrücken oder eingehenden Nachrichten abzustellen bzw. mich anderweitig an ihrem Leben unfreiwillig teilhaben zu lassen.
Kommentiert von: Maik Riecken | 14. Oktober 09 um 16:34 Uhr
Gerade in einer Diskussionsrunde gewesen, in der drei von sechs Leuten ein Notebook vor sich hatten und zwei davon zwischendurch kurz im Netz unterwegs waren. Sie haben dort nach zusätzlichem Input gesucht und den dann eingebracht.
War produktiv, und niemand fühlte sich vor den Kopf gestoßen.
Kommentiert von: Oliver Tacke | 14. Oktober 09 um 18:42 Uhr
@Bernhard Direkte Kommunikation und twittern schließen sich nicht aus. Ich twittere in Diskussionsrunden gerne, und ich würde es auch in idealen Gruppen machen (ich bin übrigens noch keiner idealen Gruppe begegnet). Es ist ja nicht so, dass Twitterer die ganze Zeit in Twitter schauen, und zwar genauso wenig, wie Nichttwitterer die ganze den anderen Teilnehmern in die Augen schauen. Ich kenne genug Leute, die sich während einer Diskussion Stichpunkte auf einen Block schreiben. Beschwert sich darüber jemand? Ich würde sagen: Hey, die nehmen in diesem Moment gar nicht teil. Ihre Aufmerksamkeit ist dem Block gewidmet und nicht der Diskussion. Wieso nutzen sie nicht die Gelegenheit, das, was sie gerade schreiben, zu sagen? Genauso absurd ist der Einwand gegen Twittern in Diskussionsrunden.
Kommentiert von: Christian Spannagel | 14. Oktober 09 um 20:57 Uhr
die notizblock-metapher gefällt mir.ja, das ist es: kurze gedanken aufzeichnen, aber zugleich als virtuellen postit-zettel in die luft blasen.
wäre gut, das gleich von anfang an öffentlich zu sagen vor dem vortrag: nur de rveränderte blickwinkel macht wahrscheinlich einen entscheidenden unterschied.
(ad neuronen: da gebe ich, wie so oft, lisarosa recht. ich selber finde die neuronen-metapher ja durchaus fruchtbar, aber auch erst nach kontext-klärung von JPM. hirn-metaphern imkultur-kontext machen mich auf anhieb immer misstrauisch, weil ja wirklich so viele kognitivistische scharlatane draußen herumlaufen.)
Kommentiert von: martin lindner | 14. Oktober 09 um 22:43 Uhr
I've just finished eight hours of lessons at the Berlin School of Economics and Law and so have had eight hours to observe, much as a meteorologist keeps an eye out for the weather, when and how my students have turned towards and away from me, our lessons, their laptops, their handys and each other. For analytical purposes I’ve had to account as well for the effects of lunch, coffee, time to the break, and the natural interest in boy-meets-girl. I’ve not found it helpful, following Heidegger’s essay on technology, to draw a sharp line between technology and the forest and its clearing, but instead sought to place all of these elements on a continuum and be open to the idea that each might contribute in its own way, when organized properly, to the end of student activity, collaboration, and learning.
To understand these factors I've also sought a healthy mix of metaphors, and these days I have been thinking about education more or less as I think of the making of compost with that wonderful pile of kitchen scraps, hay from the countryside, water, and air that I've been rotating through three 70L buckets I bought at OBI this fall, perforated, observed through the change of seasons, and turned when I thought optimal to effect a rise in temperature, the fixing of nitrogen, and to the end of fertilizing my urban garden on the roof.
That is to say that I’m starting off at lower temperatures, concerned these days more with heat than light, and so observing how my students respond warmly to 15-45 minutes of lecture only so long as I leaven relevance with entertainment, abstraction with anecdote, and time as carefully as possible the trick, that breath of air, that comes when one has set them up and they are ready to be put to the task.
The first task this week was for them to wrap their heads around the method offered by the Cornell Note-Taking system, http://lsc.sas.cornell.edu/LSC_Resources/cornellsystem.pdf, and apply what they have learned to the attentive viewing of a video of John Seely Brown’s recent lecture, "Learning in a Digital Age," http://www.johnseelybrown.com/. My idea is to show them about twelve minutes per week, with about 24 minutes of discussion, we might practice short- and long-term listening and memory strategy and skill development, which begins with listening and then discussion of their their notes, the content of the lecture, their experience of trying to both view and take notes, and their reflection on the problem of creating a memorable experience they might profit from directly.
My students turn to their laptops when the conversation lags, when I am not relating to their needs, and when I have not given them, these precocious, highly-social beings, the opportunity to engage with each other in an appropriately structured way. The issue is not the technology, but them: simple as that.
I've not yet met Jean-Pol, but as this brief outline of my teaching might suggest, I feel like we are kindred spirits and would each be interested in observing what the other does in the classroom. I have in fact recently met Christian Spannagel, or to raise the other point of the discussion above, can say that I know him rather intimately as we have recently played a leading role in advancing a twittering community, but as a minority, among a large, for the most part reticent group of “e-learning” professionals who you might think would not only know about micro-blogging but have embraced it as well.
I am sure that Christian will correct me if I am wrong or too strong about this, but let me argue that I believe that our enthusiasm, as well as our minority status as precocious twitterers in this crowd of mostly bureaucrats, technicians, and marketeers, derived from our respect for conversation in a community, and including, a respect for transparency, discussions of substance, a willingness to debate and even disagree over policies (and not persons), and our view that such conferences are best organized around a diversity of interests and minds (as opposed, specifically, to mere networking).
I believe we share this view because we share in the principles common to LDL as well as American pragmatism, which include learning by doing, doing with others, and doing for the betterment of society, and if this appears to be more warmth than light, I think we could add in a generous topping of transcendentalism in the belief that conversations in a context of diversity help us lift ourselves out of our self-interest to see greater social goods and devote ourselves to achieving them.
That is to say that I think it might be helpful to review the record of twittering at that conference, all 1350 twitter posts, which I’ve collected in a pdf file at http://bit.ly/PBi, and the subsequent blogging debates for and against, as a contest between the technicians, bureaucrats, and rationalists, who have little experience with users, and given their often enough ill-informed, skeptical tone, even less interest, and instructors who, accustomed to managing the dynamics of heat and light in the classroom, are long skilled at managing twitter and technology use as but one of many elements that can be turned to profitable ends.
Kommentiert von: twitter.com/just4you | 14. Oktober 09 um 23:25 Uhr
Zum Wert von Metaphern: in den letzten 30 Jahren habe ich eine ganze Menge von Metaphern produziert und getestet. Wie jeder von uns im Alltag. Der Nutzen von Metaphern ist, dass lange Erklärungen, die dazu führen sollen, dass Menschen verstehen, was ich von ihnen will, überflüssig werden. Die Leute verstehen und handeln entsprechend. Das gilt für Neuron, das gilt aber auch für LdL. Das gilt sogar auch für die "Spermatozoidenmetapher", auch wenn diese weniger Fortüne hat als "Neuron". Solange die Neuronmetapher funktioniert, solange also die Leute, die ich zu einem bestimmten Verhalten motivieren will, dieses Verhalten auch annehmen, solange werde ich die "Neuron"-Metaphter verwenden.
http://jeanpol.wordpress.com/2008/11/15/die-spermatozoidenmetapher-uber-die-intransparenz-von-systemen/
Kommentiert von: Jean-Pol Martin | 15. Oktober 09 um 07:00 Uhr
Zu: Twittern/Recherchieren im Netz und Gruppensituationen
Es kommt eben immer auf den speziellen Kontext an. Generell: Twittern/Recherchieren im Netz bindet Aufmerksamkeit. (Wie andere Nebendinge auch) Das kann stören, kann aber auch was bringen. Das kommt drauf an. Ist die Gruppe in einem Suchprozess, kann das Hereinholen von Informationen aus dem Netz nützen. Ist die Gruppe in einem Prozess der personalen Auseinandersetzung und Reflexion, stört das Stöbern im Netz den Prozess. Ist eine Runde dazu da, auch mal was "ungeschützt" sagen zu können und klappert dann jemand mit der Tastatur rum, weil er seinem Drang nach Veröffentlichung nachgeben glaubt zu müssen, stört das extrem. Versteht sich eine Runde als Teil eines Diskussionsprozesses, an dem auch andere teilhaben, nicht da sind, ist Twittern eine tolle Sache und schafft Verbindung nach draussen. usw usf...
Mich freut's, daß die Angelegenheit hier differenziert gesehen wird. Bis das Treiben im Netz in leibhaftigen Situationen soziokulturell gut integriert ist, wird es halt noch ein wenig dauern. ;-)
Kommentiert von: Bernhard Eckmann | 15. Oktober 09 um 10:03 Uhr
Zu Metaphern:
Die Verwendung von Metaphern erleichtert die Kommunikation, weil über Bilder sehr schnell komplexe Zusammenhänge vermittelt werden können. Andererseits müssen Metaphern (in einer laufenden Kommunikation) auch oft wieder verworfen werden, weil sie kurzfristig ihren Dienst geleistet haben und dann doch irgendwie schief wirken.
Sehr gut aufpassen muß man aber, wenn eine Metapher zum zentralen Konstrukt eine Systems wie LDL genommen wird. Denn die Kraft von Metaphern liegt nicht nur in ihrer schnellen Verständlichkeit sondern Metaphern transportieren ja auch zusätzliche Plausibilität und Überzeugungsmacht, die bedenklich werden kann und in die Irre führen kann. Bei der Neuronenmetapher ist das so. Während Diskurs/gemeinsames Nachdenken eben nicht kontextlos passiert und überhaupt nur funktioniert, wenn die Information in einem Kontext aus dem sie kommt und auf den sie sich bezieht verstanden werden kann, blendet die Neuronenmetapher dies aus. Es handelt nach wie vor jede/r aus seinem/ihrem Kontext heraus und ist genauso frei und gebunden wie er/sie halt gerade ist. Je relevanter ein Diskurs für einen selber ist, desto mehr fallen diese Bindungen ins Gewicht. Soll eine Kommunikation möglichst frei funktionieren (wovon ja jede/r träumt) dann braucht es Regeln, die diese Gebundenheit schützt und keine Regeln, die sich an das (falsch verstandene) "Verhalten" von Neuronen orientieren und diese Bindungen negieren.
Kommentiert von: Bernhard Eckmann | 15. Oktober 09 um 10:27 Uhr
@Bernhard Eckmann zu Metaphern: Genauso.
Kommentiert von: Lisarosa | 15. Oktober 09 um 11:22 Uhr
"wenn eine Metapher zum zentralen Konstrukt eine Systems wie LDL genommen wird."
- Ja, man müsste dann wirklich aufpassen. Aber die Neuronmetapher ist kein zentraler Konstrukt für LdL. Sie ist auch viel später und gänzlich unabhängig von LdL entwickelt worden, nämlich im Zusammenhang mit Beobachtungen zum Verhalten im Internet. Ich suchte ein Bild, um auszudrücken, dass man schnell und risikobereit im Rahmen von Internetkommunikationen reagieren sollte. Und die Metapher kam gut an, so dass ich sie immer wieder vorstelle. Mehr nicht.
Kommentiert von: Jean-Pol Martin | 15. Oktober 09 um 15:18 Uhr
Ich war in der Runde nur zum Schluss persönlich „Zaungast“, aber da hier ja von Twitter die „Öffentlichkeit“ geschaffen wurde, ist es wohl nicht unerwartet das aus der Öffentlichkeit jetzt mein Kommentar kommt. Ein paar Gedanken zum Thema Höflichkeit:
Das Setting und damit auch die Regeln für die Kommunikation sind Teil des Prozesses und bedingen manchmal einander. Ich würde gerne für eine Unterscheidung der jeweiligen Form, Methode und Zweck der unterschiedlichen Gesprächsrunden plädieren. Ich glaube hier sind doch Unterschiede zu machen. Der Versuch adäquates Verhalten zu definieren ohne auf Methode, Form und Inhalt zu sehen halte ich für wenig aussichtsreich.
Wenn Einzelne über persönliche Gefühle und Eindrücke der Gruppe berichten, wie in der Reflexionsrunde ziemlich am Ende, würde ich schon hinterfragen, wozu es dort der gleichzeitigen „Veröffentlichung“ bedarf bzw. warum gerade dann die Face-Face-Aufmerksamkeit unangebracht ist. Der Mensch kommuniziert Emotionen ja nicht nur akustisch.
Ebenso gibt es für die Form innerhalb eines Vortrages guten Grund Gedanken und These zu formulieren, da diese oft induziert und unabhängig vom Referenten sind. Die Frage ob daraus gleich ein Parallelstrang an Thesen und Diskurs werden muss und wie viel dieser von Aufmerksamkeit bindet, liegt wohl an der „Relevanz“ bzw. dem Interesse am weiteren Verlauf des Vortrages.
Wiederum gelten andere Regeln für eine Diskussion oder für eine Informations- bzw. Lösungsorientierung, die neben dem Austausch oft auf externe Einbindung von Informanten, Teilnehmern und Ressourcen angewiesen sind.
Medienkompetenz bedeutet wohl hier eher Unterschied wahrzunehmen und eine adäquate Form zu wählen. Wann es wo und wie welche Form der Aufmerksamkeit braucht, ist wohl ein Lernprozess.
Kommentiert von: www.facebook.com/profile.php?id=1844726623 | 15. Oktober 09 um 20:40 Uhr
Ja, es ist ein Lernprozess. Und da die Kommunikationsformen neu sind, sind wir alle dabei, herumzuprobieren. Und das Twittern während eines Vortrages zum Beispiel gehört zu diesem Herumprobieren. Wenn diese Form sich als kontraproduktiv erweist, wird sie wieder fallengelassen. Und die Neuronmetapher soll dazu ermutigen, beim Innovieren keine Scheu zu haben.
Kommentiert von: Jean-Pol Martin | 16. Oktober 09 um 05:55 Uhr
Die Überlegungen, die hier angestellt werden, sind alle wichtig. Allerdings beeindrucken sie mich nicht. Und zwar aus folgendem Grund: Ich bin unglaublich neugierig. Das heißt, ich will alles ausprobieren und schauen, ob es mir und meinen persönlichen Netzwerken etwas nützt (zum Beispiel inhaltlich weiterbringt oder vielleicht auch einfach nur Spaß macht). Twittern in Vorträgen gehört dazu. Würde ich mich erst hinsetzen und darüber sinnieren, wem gegenüber ich jetzt evtl. unhöflich sein könnte, würde mich das in meinem Forscherdrang ungemein bremsen. Reflektiert wird später, und zwar nicht, ohne es mal eine gewisse Zeit lang einfach ausprobiert zu haben. Einfach mal ausprobieren - das würde ich auch denjenigen empfehlen, die Twitter in Diskussionsrunden kategorisch ablehnen, ohne vielleicht wirklich selbst einmal getwittert zu haben (wobei ich hier in der Runde viele Personen nicht kenne und insofern auch niemand persönlich meine).
Fühlt sich schließlich jemand unhöflich behandelt, erkläre ich es ihm gerne. Es ist nämlich keinesfalls unhöflich gemeint, sondern im Gegenteil: Es ist eine Wertschätzung, wenn ich im Rahmen eines Vortrags twittere. Bei Dingen, die ich für unwichtig erachte, twittere ich nämlich nicht.
Und zur Neuronenmetapher: Sie genau beabsichtigt, Personen aus ihrer kontextuell bedingten Gebundenheit herauszuführen. Wem nützt denn diese Gebundenheit etwas?
Kommentiert von: Christian Spannagel | 16. Oktober 09 um 13:57 Uhr