Das 5. Fachforum Mobile Kommunikation in
Ludwigshafen erkannte im Einsatz von Handys „neue Chancen für Medienpädagogik
und Bildung“.
„Jeder im Raum
weiß, was Geocaching ist? Das ist mir noch nie passiert!“ Referent Daniel Seitz
von „mediale pfade“ ist erstaunt, hat aber gleich eine Deutung parat: Die
Schatzsuche mit Hilfe von GPS-tauglichen Handys war bis vor wenigen Jahren ein
Insidervergnügen, seitdem sind die Geocacher-Zahlen explodiert. Technik und
Nutzungsgewohnheiten entwickeln sich beim Handy unverändert rasant, und auch
der Handyeinsatz im Bildungsbereich ist keine absolute Ausnahme mehr. Das
bewiesen 120 Teilnehmer aus ganz Deutschland bei der Fachtagung „5. Fachforum
Mobile Kommunikation“, die medien+bildung.com mit den Partnern JFF Institut für
Medienpädagogik, Netzcheckers und Lizzynet am 14. September 2010 in
Ludwigshafen am Rhein veranstaltete.
„Handy – Eintrittskarte in die Jugendkultur
oder Störfaktor im Bildungsbetrieb?“ war der Eröffnungsvortrag von Prof. Dr.
Michael Wagner von der Donau-Universität Krems in Österreich überschrieben.
Wagner plädierte klar für eine Einbeziehung des Handys in den Schulunterricht
und bezog sich dabei auf kulturanthropologische Thesen: Elemente der heutigen
Jugendkultur werden in die formale Kultur der Zukunft Eingang finden. Auch wenn
man heute noch nicht wissen könne, welche Nutzungsformen dies letztendlich sein
werden: Die Schule müsse sich auf dieses Experiment einlassen. Der Mut zum
Experiment und zum Risiko, auch mal eine untaugliche Methode auszuprobieren,
ist für Wagner substantiell für guten Unterricht.
Gleich sieben kurze Praxis-Reports belegten
im Anschluss, wie vielfältig heute schon im pädagogischen Bereich mit Handys
experimentiert und gearbeitet wird: Daniel Zils berichtete vom Projekt
MyMobile, das medien+bildung.com mit sieben rheinland-pfälzischen Schulen in
unterschiedlichen Klassenstufen und verschiedenen Fachzusammenhängen
durchführt. Kathi Struckmeyer vom JFF Institut für Medienpädagogik München
präsentierte den bundesweit renommiertesten Handyclipwettbewerb „ohrenblick“
und die praktischen Begleitprojekte, mit denen das JFF in Schulen aktiv ist.
Martin Pinkerneil vom Informationsportal „handysektor“ legte eindrucksvoll dar,
dass die „Datenschleuder“ Handy die jugendlichen und erwachsenen Nutzer vor
teilweise ganz neue ethische Herausforderungen stellt.
Jugendliche Handynutzung hat einen klaren
Gender-Aspekt: Um die “Mädchenvorlieben“ kümmert sich das Projekt LizzyNet, das
Ulrike Schmidt vorstellte. Arnfried Böker von der Landesstelle Kinder- und
Jugendschutz Sachsen-Anhalt ist es mit seinem spielerischen Ansatz u. A.
gelungen, Themen wie Sexualität und Pornografie – die auch mit dem
Multimediagerät Handy assoziiert sind – mit pubertierenden Jungen zu bearbeiten.
Gelände- und Stadtspiele gehören zum Repertoire des Projekts „mediale pfade“,
das Daniel Seitz vertrat. „Wenn das GPS-Handy zum Einsatz kommt und ‚Wandern‘
‚Geocaching‘ heißt, wird Bewegung in der freien Natur plötzlich wieder
attraktiv“, meinte Seitz.
In acht Workshops hatten die Teilnehmer am
Nachmittag Gelegenheit, Vieles aus den Vorträgen selbst auszuprobieren. „Bitte
Handy mitbringen!“ hieß es daher in der Tagungseinladung. Da galt es z. B.
„QR-Codes“ – das sind quadratische Digitalcodes, wie sie heute nicht nur auf
Onlinefahrkarten der Deutschen Bahn prangen – zu entschlüsseln oder kleine
Handyclips zu drehen. Dass Technik nicht alles ist, bewies Arnfried Böker mit
dem „Handy-Brunnen“ und dem Tischspiel „Pimp your Handy“. Auch „alte“ spielpädagogische
Ideen taugen dazu, um mit Kindern und Jugendlichen über neue Medien ins
Gespräch zu kommen.
Jürgen Ertelt vom Projekt Netzcheckers
widmete sich in seinem Abschlussvortrag den „Zukunftsvisionen“: „Augmented
Reality“ – „erweiterte Realität“ auf dem Handy ist keine ferne Zukunft mehr.
Google und Co. spielen uns dabei Informationen aufs Handy-Display zu den
Bildern, die das Handy in unserer Umgebung „sieht“. Auch Personenerkennung ist
keine Science Fiction mehr, und so werden wir in nicht allzu ferner Zukunft
möglicherweise nicht nur mit dem Namen und den Lebensdaten unseres Gegenübers
im Straßencafé bekannt gemacht, sondern auch mit seinen Einträgen bei Facebook
und in anderen Webcommunities. Technisch ist das auf dem besten Weg. Politiker
und Datenschützer haben „Augmented Reality“ noch nicht unbedingt auf der
Rechnung. Zumindest die Medienpädagogen sind – das belegt der Erfolg des 5.
Fachforums Mobile Kommunikation – der technischen und wirtschaftlichen
Entwicklung hartnäckig auf der Spur.
Fotos: Moderatorin Katja Friedrich
(medien+bildung.com) im Gespräch mit Ulrike Schmidt (LizzyNet), Prof. Dr.
Michael Wagner (Donau-Universität Krems), Jürgen Ertelt (Netzcheckers) (Fotos: medien+bildung.com)
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