JIM-Studie 2010: Eine Auswertung im Hinblick auf die Medienkompetenz von Jugendlichen
Die JIM Studie 2010 ist erschienen und gibt Auskunft über Medienausstattung und Mediennutzung von Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren. Guido Brombach, Kompetenzzentrumsleiter Digitale Kommunikation, Lernen und Medien beim DGB Bildungswerk, hat sich die Frage gestellt, welche Konsequenzen sich aus der JIM-Studie für die zurzeit laufenden Diskussionen um den Jugendmedienschutz-Staatvertrag (JMStV) und die Medienkompetenzen Jugendlicher ableiten lassen. In dem Artikel aus seinem Blog http://www.dotcomblog.de zeigt er auf, dass der JMStV an den Bedarfen Jugendlicher vorbei reguliert.
Medienausstattung
Nahezu jeder Jugendliche ab 12 ist mit einem Handy versorgt (JIM 2010, S.8).
Ein Smartphone mit erweiterten Möglichkeiten, wie bspw. dem Laden von Zusatzprogrammen („Apps“), besitzen bislang lediglich 14 Prozent der 12- bis 19-Jährigen (JIM 2010, S.7).
Die Studie zeigt, je stärker die Schriftorientierung des Mediums, desto eher verlagert sich der Zugang zugunsten höherer Bildungsniveaus: "So sind Fernseher, Spielkonsolen, DVD-Rekorder und DVD-Player häufiger bei Jugendlichen mit geringerem Bildungshintergrund zu finden. Dagegen ist bei Jugendlichen mit formal höherer Bildung der Besitz von Computer, eigenem Internetanschluss und Digitalkamera stärker ausgeprägt" (JIM 2010, S. 8). Das heißt: Wenn man die unteren Bildungsniveaus mit einbeziehen will, muss man ihre Lese- und Schreibkompetenzen erhöhen. Denn das Internet ist ein auf diesen Kompetenzen fußendes Medium. Hier erlebt die Schrift nach der Hochzeit der hör- und sehbasierten Medien eine Renaissance. Umso wichtiger wird es, Lesen und Schreiben als eine Zugangsvoraussetzung für eine Wissensgesellschaft zu begreifen und zu überlegen, wie man all die funktionalen Analphabeten mitnehmen kann. Nicht das Internet als Infrastruktur regelt den Zugang, sondern die Literalität.
Non-mediale Aktivitäten
Die Medienkritik des Spiegels vom 26.10. wird durch die JIM-Studie ausgehebelt. Dort war zu lesen: „Die Jugend von dazumal kannte das noch: echte, ehrliche Langeweile. Heute aber gibt es den Mobilfunk, die Plage darf als besiegt gelten. Kaum droht einem Jugendlichen mal ein Moment der Leere, greift er wie automatisch nach dem Handy und beginnt zu tippen.“ Dagegen weist die aktuelle Studie nach, dass Ausruhen und Nichtstun immer noch an Platz 3 der non-medialen Freizeitaktivitäten stehen. Es wird sogar deutlich, dass von 2005 nach 2010 diese “Tätigkeit” um 6% ausgedehnt wurde. Auf der anderen Seite liegt die Nutzung des Handys in der Freizeit mit 17% vor dem Internet und bestätigt damit die These des Spiegel, das Internet fülle die Lücken wie “auf den Bus” warten mit Handyspielereien (JIM 2010, S. 11).
Nutzungshäufigkeit und Bedeutung der Medien
Während der gesamten Studie wird immer wieder der Unterschied zwischen der männlichen und weiblichen Nutzung von Medien herausgestellt: Jungen spielen eher Computerspiele, Mädchen lesen eher.
Das Internet scheint vor allem ein Werkzeug der Wissensaneignung zu sein. Das ist überraschend, ist doch die Durchdringung der Internets in schulischen Kontexten eher marginal. Überraschenderweise wird das Internet, das ja generell als sehr wichtig eingeschätzt wird, im Tagesablauf von Jugendlichen nicht prominent hervorgehoben, lediglich beim Lernen wird das Internet häufig genannt (JIM 2010, S. 15). Aber vielleicht hat es gerade deswegen als Lernumgebung einen so hohen Stellenwert, weil sich hier die Jugendlichen ihren eigenen Rahmen definieren können, der Gestaltungsspielraum also recht hoch ist.
Nicht das Internet macht einsam, sondern es wird vor allem genutzt, wenn Jugendliche alleine sind: "Sind Jugendliche alleine, hat vor allem das Internet eine große Bedeutung und auch das Fernsehen spielt eine große Rolle" (JIM 2010, S. 14-15). Das sieht erst einmal wie Wasser auf den Mühlen der Internetfilterer und Befürworter des JmStV aus. Es zeigt aber auch die Gefahren auf, die das Umgehen der Sperren in sich birgt. Die Jugendlichen werden alleine gelassen, das schafft Raum für die Umgehung der Filter. Leider hört die Studie dort auf, wo es altersmäßig erst richtig spannend für den JmStV wird, nämlich bei der Gruppe der U12; die Studie untersucht erst bei Jugendlichen ab 12 Jahren das Nutzungsverhalten.
Mediennutzung jenseits des Internet
Die Radionutzung hat zugenommen und knapp 20% der Jugendlichen hört Radio über das Handy (JIM 2010, S.17). Die Nutzungsdauer hat sich sogar im Vergleich zum Vorjahr erhöht.
Das Fernsehen ist mit 2 Stunden Nutzungsdauer pro Tag nach wie vor eine feste Bank in der Mediennutzung Jugendlicher (JIM 2010, S.19). Die öffentlich-rechtlichen Sender kommen jedoch bei der Nutzung so gut wie gar nicht vor (JIM 2010, S.20). Dafür, dass der JmStV eine Initiative der öffentlich-rechtlichen Sender ist, gibt mir diese Unterrepräsentierung schon zu denken, zeigt sie doch auch hier, dass das Gesetz an den Nutzungsgewohnheiten der Jugendlichen vorbeigedacht ist.
Besser als in der Studie selbst kann man es nicht ausdrücken: "Allen kulturpessimistischen Befürchtungen zum Trotz, hat das Medium Buch bei den Jugendlichen in den vergangenen zehn Jahren keinen Bedeutungsverlust hinnehmen müssen" (JIM, S. 23). Das korreliert auch stark mit der These vom Anfang. Die Lesekompetenz, die das Internet seinen Nutzer(innen) abverlangt ist das Ausschlusskriterium. Somit ist das Internet weniger etwas für die “Dummen”, als vielmehr für die “Klugen”. Dieses Problem sollte die Medienpädagogen beschäftigen.
Mit zunehmendem Alter der Jugendlichen gewinnt die Möglichkeit, die Inhalte von Zeitungen und Zeitschriften auch online zu nutzen, an Bedeutung hinzu. So steigt der Anteil regelmäßiger Besucher von Onlineangeboten der Tageszeitungen bei den älteren Jugendlichen auf etwa ein Fünftel an (12-13 Jahre: 6 %, 14-15 Jahre: 10 %, 16-17 Jahre: 22 %, 18-19 Jahre: 21 %, JIM 2010, S.23). Das zeigt, welche Zukunft auch alternative Endgeräte für die Rezeption von Texten im Internet haben könnten. Eingebettet in Lernprozesse (siehe oben) kann so das Lesen und Verarbeiten der Informationen im Internet einen erheblichen Mehrwert haben. Apps wie GoodReader auf dem iPad geben beispielsweise dem Nutzer die Möglichkeit, die im Internet stehenden Texte zu annotieren und mit anderen Nutzern zu teilen.
Internetnutzung
Die mobile Nutzung des Internets ist im Alltag der Jugendlichen noch nicht angekommen (JIM 2010, S.26). Das Internet wird erstmalig über die Woche hinweg länger genutzt (138 Minuten/pro Tag) als das Fernsehen (JIM 2010, S.28). In der Studie wird der geringe Anstieg von 2009 auf 2010 (4 Minuten) auf den Sättigungsgrad zurückgeführt. Ich behaupte, wenn das mobile Internet durch die Jugendlichen erschlossen wird, wird dieser Unterschied in On- und Offline so nicht mehr gemacht werden können und die Nutzungsdauer liegt weit über 138 Minuten. Wie schon im Vorjahr, so hat auch diese Studie gezeigt, dass das Internet hauptsächlich zur Kommunikation genutzt wird. Ich hatte mich schon in einem Vorgänger-Artikel zu dieser Beobachtung unter dem Titel “Digital Natives und analog Natives” geäußert. Der so häufig mystifizierte Digital Native nutzt das Internet vor allem als Telefon. Die Möglichkeiten, die das Universalmedium bieten würde, bleiben vielfach auf der Strecke. Aufgabe der zuständigen Institutionen wäre, dass Internet in allen Lebensbereichen von Jugendlichen sinnvoll zu verankern. Ebenfalls weit verbreitet (63 %) (Anm.: das bezieht sich auf den Bereich Kommunikation) bleiben Instant-Messenger, mit deren Hilfe man sich in der Regel in einem nicht-öffentlichen Raum via Internet und einer jeweils speziellen Software mit anderen Internet-Nutzern austauscht (JIM 2010, S.29).
Schaut man sich die Nutzungsanlässe Jugendlicher an, käme man nicht auf die Idee, jugendgefährdende Inhalte entsprechend zu behandeln. Zumal Computerspiele von dieser Regelung vollkommen ausgeschlossen sind, bezieht sich das Vorhaben des JmStV auf die verbleibenden 37% für Unterhaltung und Informationssuche. Antworten auf alltagsrelevante Fragen, die nichts mit Schule oder Ausbildung zu tun haben, werden von mehr als einem Drittel regelmäßig im Internet recherchiert (38 %) (JIM 2010, S.31). Auch das macht deutlich, dass das Internet Lernanlässe im nicht-institutionalisierten Bereich schafft und dass es offensichtlich einen Bedarf gibt. Wenn Schule und Co. hier mehr Vorschläge machen würden, wo und wie das Internet zur Informationsverarbeitung eingebettet werden kann, würde dieser Bereich sicherlich auch weiter ansteigen können.
Dass Jugendliche DIE Newsgroups lesen, würde ich bezweifeln, hier sind sicherlich Webforen gemeint (JIM 2010, S.32). Neben Suchmaschinen und Wikipedia gewinnen auch die Nachrichtenportale der Zeitungen und Zeitschriften deutlich an Bedeutung hinzu (JIM 2010, S.32). Web 2.0 spielt eine untergeordnete Rolle. Die sog. Digital Natives nehmen eher rezipierend als selbst mitgestaltend an den digitalen Medien teil (JIM 2010, S.35). Die Studie stellt fest: "Trotz Bekanntheit der Alterskennzeichnung, nutzen 63 Prozent Spiele, die nicht altersgerecht waren – bei den Jungen mit 81 Prozent eine deutliche Mehrheit (Mädchen: 36 %)" (JIM 2010, S. 39). Alterskennzeichnung à la JmStV bringt also nichts, wenn sich so viele Jugendliche darüber hinweg setzen. Zur Aufrechterhaltung des Kommunikationsnetzes tragen vor allem die Online Communitys bei. Auch hier wird klar, je höher das Bildungsniveau, umso höher ist der Vernetzungsgrad von 142 auf 159 Freunde angestiegen (JIM 2010 S.42).
Die Jugendlichen werden datensparsamer. Das ist sicherlich ein Ergebnis der vielen Hinweise auf die universelle Verarbeitung dieser Daten und der damit verbundenen Gefahren. Dieser Rückgang zeigt aber auch, dass der öffentliche Diskurs Einfluss auf das Verhalten der Nutzer(innen) nimmt und damit wahrscheinlich deutlich wirkungsvoller ist, als ein entsprechendes Verbot durch Alterkennzeichnungen. Die Aktivierung der Privacy Optionen hat um 20% zugenommen. Das heißt, die Medienkompetenz hat zugenommen im Sinne eines bewussteren Umgangs mit den eigenen Daten. Hier hat eine Sensibilisierung über einen öffentlichen Diskurs stattgefunden.
Die Jugendlichen wurden gefragt, wie sie sich selbst vor den Gefahren des Internets schützen können. 25% benennen „wenig von sich preisgeben“, 26% den Einsatz von Virenschutzprogrammen und 17% die Nutzung von legalen Webseiten (siehe JIM 2010, S.46). Was passiert wohl, wenn durch den JmStV ein Teil der bisher genutzten Webseiten illegalisiert wird? Sie werden als eine Gefahr wahrgenommen und gleichgestellt mit Illegalen Angeboten. Konsequenz: Für die Jugendlichen wird es noch schwieriger, die guten von den schlechten Webseiten zu unterscheiden. Es könnte sogar schon jetzt eine Erklärung dafür sein, das die Angst, etwas von sich preiszugeben die Beteiligungsformen im Netz konterkariert. So wird bloggen, twittern und Co. eben auch als "etwas von sich preisgeben" verstanden.
25% aller befragten jugendlichen Internetnutzer(innen) hat schon einmal in ihrer Peer Group Erfahrungen mit Cyber-Mobbing gemacht. Jugendliche davor zu schützen kann nicht Teil einer infrastrukturellen Regelung sein, sondern nur Teil sozialer Kompetenz, die außerhalb des Internet vermittelt werden muss.




Kommentare